Aus den Erinnerungen der Herrschaftsköchin Johanna Neubauer (Teil 1)

www.dunkelsteinerwald.net

Dienstboten und Herrschaftsköchinnen spielen und spielten in vielen Filmen und Theaterstücken eine wesentliche Rolle. Das Bild dieses Berufstandes hat sich dadurch im Laufe der Jahre sicher verklärt. Wie es tatsächlich um diese Bediensteten bestellt war soll am Beispiel von Johanna Neubauer vermittelt werden.

Selten sind jedoch eigene Lebensbeschreibungen aus diesen vergangenen Epochen. Die meisten Leute hatten halt weder Zeit noch den inneren Antrieb für sich selbst oder für Ihre Familie aufzuschreiben, was ihnen im Dasein begegnet war und welche Wandlungen sie in ihrer Umgebung erlebt hatten.

Darin ist unsere Herrschaftsköchin Johanna Neubauer aus Enikelberg keine Ausnahme. Sie selbst hat über ihr Leben keine Aufzeichnungen geführt, sondern sie hat einfach die ihr zugegangenen Briefe, Ansichtskarten, Rezepte und Menükarten gesammelt. Gerade diese Unterlagen, zu einem Puzzle zusammengesetzt, machen das Leben von damals sehr anschaulich. Heute wird die Berufsbezeichnung Herrschaftsköchin unweigerlich mit der guten alten Zeit verbunden, einer Zeit, die für eine Köchin – wenn auch im fürstlichen Hause – nicht immer leicht war. Denn ein Dienstbote und eine Herrschaftsköchin gehörte rechtlich zu den Dienstboten, hatte „sittlich, treu, ehrlich, fleissig, geschickt und willig“ zu sein. Dies wiederum wurde von der „gnädigen Frau“ mit Adlerblicken überwacht.

Gallerie an Erinnerungsstücken von Frau Johanna Neubauer

Johanna Neubauer wurde am 10. Mai 1882 in Enikelberg geboren. Ihre Eltern arbeiteten als Taglöhner im Gutshof zu Goldegg beim Fürsten von Auersperg. Für unser junges Fräulein Neubauer stand gar nicht zur Diskussion, womit sie einmal ihr Brot verdienen würde. Sie wollte „in den Dienst gehen“, wie man damals sagte, in einem Schloss oder Palais wohnen um an fürstlichem Glanz teilhaben zu können. Nachdem sie kurzfristig in einer Milchverschleißstelle im 9. Wiener Gemeindebezirk eine Beschäftigung gefunden hatte, trat sie 1905 als Küchenmädchen in die Dienste des Prinzen Alfred von Lichtenstein.

Ihre Arbeitsstätte war nun das Palais Lichtenstein in der Alserbachstrasse und dann fallweise, je nach Jahreszeit, das Schloss Hollenegg und das Schloss Frauenthal bei Deutschlandsberg (Steiermark). Besonders beeindruckt war unser Küchenmädchen von der prachtvollen Innenausstattung des Schlosses Hollenegg, das die Fürsten von Lichtenstein aus anderen Besitzungen weitgehend ergänzt hatten. Über Arbeitsmangel hatte das fürstlich-lichtensteinische Küchenpersonal nicht zu klagen. Noble Bankette mit raffinierten Menüs waren an der Tagesordnung. So war 1906 die feierliche Nachprimiz seiner Durchlaucht Prinz Georg im Schloss Hollenegg ein besonderer Höhepunkt. 70 Herrschaften und Geistliche, “die kaum mehr zu zählen waren“, mussten bewirtet werden. Denn noch zu Beginn unseres Jahrhunderts ging den Gaumenfreuden unweigerlich stundenlange Arbeit voraus.

An einfachen Gerichten soll die Mühe und Plage dargestellt werden: Wer zum Schalerl Kaffee aus selbstgerösteten und handgeriebenen Bohnen etwas Süßes wollte, musste rühren und walken. Die Rezepte verraten es eindeutig – zuerst wurde eine Stunde Butter, Zucker und Dotter gerührt, dann kamen die anderen Zutaten dazu und wieder hieß es eine Stunde rühren. Mit der Verpflichtung die leiblichen Genüsse in immer größerer Auswahl und mit besonderer Raffinesse zu liefern, versuchten die Herrschaftsküchen dem Prunkbedürfnis der obersten Stände nachzukommen. Anhand der selbstgeschriebenen Kochbücher des Küchenmädchens Neubauer kommt dies zum Ausdruck. Fortsetzung folgt

Dieser Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung von Herrn August Pachschwöll aus Gabersdorf

About these ads

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Eine Antwort to “Aus den Erinnerungen der Herrschaftsköchin Johanna Neubauer (Teil 1)”

  1. Aus den Erinnerungen der Herrschaftsköchin Johanna Neubauer (Teil 2) « Dunkelsteinerwald Says:

    [...] Aus den Erinnerungen der Herrschaftsköchin Johanna Neubauer (Teil 2) II. In feinsten Häusern (Zweiter und letzter Teil des Beitrags: Aus den Erinnerungen der Herrschaftsköchin Johanna Neubauer – Teil 1) [...]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: